Der Bericht für den Gewerkschaftsrat

Leicht gekürzte Fassung

Sachstandsbericht des Vereins Freunde und Förderer der
Bildungsstätte Lage-Hörste zur Fortführung des Heinrich-Hansen-Hauses
für den Gewerkschaftsrat

A. Vorbemerkung

Frank Bsirske hat zum 50-jährigen Bestehen des Heinrich-Hansen-Hauses 2004 geschrieben: „Es gilt nach wie vor, die Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche voranzutreiben. Dafür sind die Wissensvermittlung und eine Einsicht in gesellschaftliche Zusammenhänge unverzichtbar; nur darüber ist es möglich, so etwas wie Chancengleichheit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen herzustellen.“ Er schrieb dies vor dem Hintergrund der Agenda 2010, der Verschlechterungen der sozialen Sicherung und der Versuche der Arbeitgeber mit Unterstützung von CDU/CSU und FDP, die Tarifautonomie abzuschaffen, um darüber flächendeckend Löhne und Gehälter senken zu können. Aus den heftigen Angriffen auf die Gewerkschaften als organisierte Interessenvertretung der Beschäftigten folgerte Bsirske: „Damit steigen natürlich auch die Anforderungen an die gewerkschaftliche Bildungsarbeit als Katalysator für die Durchsetzungsfähigkeit gewerkschaftlicher Positionen.“ An Franks Worte anknüpfend, die bis heute ihre Bedeutung nicht verloren haben, will der Verein den Stellenwert der gewerkschaftlichen und betrieblichen Bildung und die Durch-setzungsfähigkeit von Arbeitnehmerinteressen in unserer Gewerkschaft wieder in den Fokus rücken und durch ehrenamtliches Engagement mit Leben füllen.

B. Ausgangslage

1.  Beschlusslage

Der Bundesvorstand hat am 23. Februar 2015 einstimmig beschlossen, dem Gewerk-schaftsrat die Schließung der Bildungsstätte Lage-Hörste zum 31. Dezember 2015 zu empfehlen. Die Bundesverwaltung hatte zuvor einen Investitionsbedarf in Höhe von mindestens 3 Mio. Euro für den Brandschutz plus weiterer 1,5 Mio. Euro für Neben-kosten und Schließung des Hauses während der Sanierungsphase errechnet.

Angesichts eines Gesamtetats für Investitionen in die Bildungsstätten in Höhe von insgesamt 10 Mio. Euro bis 2020 hält der Bundesvorstand das für nicht vertretbar. Diese Deckelung der Investitionen ist die eigentliche Ursache für den Beschlussvorschlag des Bundesvorstandes zur Schließung der Bildungsstätte. Aufgrund der notwendigen Investitionen handelt es sich hier um eine Unterfinanzierung. Wenn die 10 Mio. Euro statt auf zehn Bildungsstätten nur noch auf neun Bildungsstätten verteilt werden, reduziert sich die Unterfinanzierung.

Der Gewerkschaftrat folgte der Empfehlung des Bundesvorstands am 10. März 2015 nach einer mehr als vierstündigen Debatte mit einer Änderung: Seinen Beschluss würde er zurücknehmen, wenn es der Initiative zur Rettung der Bildungsstätte gelingt, bis zur nächsten Sitzung des Gewerkschaftsrates vom 11. bis 13. Mai 2015 zwischen 1,5 und 2 Mio. Euro an Spenden einzuwerben und ein Konzept zur Fortführung der Bildungsstätte vorzulegen.

Dieser Beschluss war aus Sicht des Vereins positiv. Gleichzeitig hielt er die Summe wegen der zur Verfügung stehenden Zeit und des Volumens für nicht erreichbar. Dies wurde auch von vielen Kolleginnen und Kollegen und Gliederungen so eingeschätzt. Dennoch nahm der Verein die Herausforderung an, vor allem auch deshalb, weil sein Gesamtkonzept weitere Bausteine umfasst.

2. Vorgeschichte

Schon vor dem Beschluss des Gewerkschaftsrats hatten Kolleginnen und Kollegen, insbesondere aus der Region, aber auch dem Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Initiativen ergriffen, die dazu führen sollten, das Heinrich-Hansen-Haus zu erhalten.

  • Einige dieser Kolleginnen und Kollegen initiierten eine Resolution für die Sanierung des Hauses und eine bessere Auslastung der Bildungsstätten durch ver.di b+b. Diese Resolution wurde ab Dezember 2014 von nahezu 4.500 Kolleginnen und Kollegen und Gremien unterzeichnet. Der Hinweis auf b+b bezog sich darauf, dass b+b insbesondere in Nordrhein-Westfalen zu wenige Seminare in den Bildungsstätten durchführt, in diesem Jahr beispielsweise nur fünf in Lage-Hörste und elf im Bunten Haus in Bielefeld. Die ganz überwiegende Mehrzahl findet in Hotels statt.
  • Eine Reihe von Gremien stellten Anträge, und zahlreiche Kolleginnen und Kollegen setzten sich in persönlichen Briefen für den Erhalt der Bildungsstätte ein.
  • Eine Gruppe von Aktiven und Beschäftigten der Bildungsstätte traf sich am 4. März 2015, um erstmals Vorschläge zur Rettung der Bildungsstätte zu erarbeiten und Aktionen für die Sitzung des Gewerkschaftsrates am 10. März 2015 vorzubereiten.
  • Am Abend des selben Tages kamen rund 200 Kolleginnen und Kollegen, auch anderer Gewerkschaften, die sich mit dem Haus verbunden fühlen, zusammen, um auf einer Solidaritätskundgebung für den Erhalt des Heinrich-Hansen-Hauses zu demonstrieren. Zuvor tagte der Beirat des Instituts für Bildung, Medien und Kunst. Er wurde an diesem Tag erstmals über die Brandschutzprobleme und die Beschlusslage in ver.di informiert. Das haben mehrere Beteiligte als Missachtung der Informations- und Beteiligungspflicht von ver.di empfunden. Anschließend fand ein Gespräch in größerer Runde mit Holger Kloft, IVG-Geschäftsführer, Dina Bösch und Frank Werneke statt, bei dem über die Situation und Optionen für den Erhalt des Hauses gesprochen wurde. Sowohl im Beirat als auch in der Gesprächsrunde haben die Drei auch während der Diskussion keine Perspektive für den Erhalt des Hauses eröffnet.
  • Der Arbeitskreis als Vorläufer des Vereins erklärte sich im Sinne von „Perspektive 2015“ dazu bereit, durch ehrenamtliches Engagement und die Übernahme von Verantwortung einen Beitrag zu leisten, um das Heinrich-Hansen-Haus in eine sichere Zukunft zu führen. Eine vergleichbare Initiative hat es nach Einschätzung des Vereins in dieser Form bisher nicht gegeben: Der Arbeitskreis wollte und will nicht nur Forderungen an den Bundesvorstand und den Gewerkschaftsrat stellen, sondern großes ehrenamtliches Engagement einbringen und Verantwortung übernehmen. Dies führt zu einer Revitalisierung der gewerkschaftlichen Arbeit. Die Erfahrungen, die er dabei macht, könnten auch für die anderen Bildungsstätten und ver.di als Ganzes hilfreich sein.

3. Nach dem Beschluss des Gewerkschaftsrats

Die Initiativen aus den Bezirken in der Region, aus den Ortsvereinen und aus dem Fachbereich Medien, Kunst und Industrie führten am 15. März 2015 (wenige Tage nach der Entscheidung des Gewerkschaftsrates) zur Gründung des Arbeitskreises „Hörste ist unverzichtbar“. In diesem Arbeitskreis fanden sich ehren- und hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen aus der Region und verschiedenen Fachbereichen, Teamerinnen und Teamer der Bildungsstätte und Beschäftigte des Heinrich-Hansen-Hauses zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Dabei knüpften sie an die Entstehungsgeschichte des Heinrich-Hansen-Hauses an. Das Haus entstand durch Initiative, Eigenleistung und weitgehend selbstfinanziert insbesondere durch Kollegin-nen und Kollegen des Ortsvereins Bielefeld und der Region Ostwestfalen-Lippe der IG Druck und Papier. Auch diese Entstehungsgeschichte unterscheidet die Bildungsstätte von allen anderen gewerkschaftlichen Bildungsstätten.

Die Arbeitskreis verständigte sich darauf, wie er in der Zukunftssicherung des Hauses weiter vorgehen will. Dabei ging es ihm darum, die folgenden Aspekte in konstruktive Lösungen einfließen zu lassen:

  • Der Arbeitskreis „Hörste ist unverzichtbar“ hat den Gewerkschaftsratsbeschluss positiv aufgenommen. Denn dieser ermöglichte ihm zum Einen, Finanzierungsmodelle zu prüfen, die durch die ver.di-Bundesverwaltung möglicherweise nicht oder nicht ausreichend geprüft worden waren. Zum Anderen hatte er von vornherein eine Spendensammlung vorgesehen.
  • Gleichzeitig stellte er fest: Ein Gesamtkonzept für die gewerkschafts- und gesellschaftspolitische Bildung sowie die Schulung von Betriebsräten in den eigenen Bildungsstätten ist nicht erkennbar. Verschärft wird die Situation dadurch, dass ver.di b+b und die weiteren gewerkschaftlichen Bildungsträger – das DGB-Bildungswerk NRW und Arbeit und Leben NRW –, die auch im Auftrag von ver.di viele Seminare anbieten, die ver.di-Bildungsstätten kaum belegen.
  • Die Höhe des einzuwerbenden Geldes (ein Drittel des gesamten Investitions-volumens in Höhe von 4,5 Mio. Euro), die der Gewerkschaftsrat festgelegt hatte, stellte den Arbeitskreis allerdings vor eine praktisch nicht zu bewältigende Herausforderung. Denn zwischen Beschluss des Gewerkschaftsrates am 10. März 2015 und dem Beginn der folgenden Sitzung am 11. Mai 2015 lagen nur 61 Tage. Das sind knapp neun Wochen, in denen auch die Osterferien mit den Feiertagen lagen, wodurch sich der Zeitraum praktisch nochmals erheblich reduzierte. Denn viele Spenderinnen und Spender und Ansprechpartnerinnen und Ansprechpart-ner waren zu dieser Zeit im Urlaub.

Hinzu kam, dass die Bundesverwaltung am 16. März 2015 in Berlin dem Arbeits-kreis die Gründung eines Vereins nahegelegt hatte. Grundlage dafür ist ein Gut-achten, das die Finanzverwaltung in Auftrag gegeben hatte. Die Gründungsver-sammlung des Vereins erfolgte daraufhin bereits am 23. März 2015, der Verein firmiert nun unter dem Namen „Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste e.V.“ So wurde er am 17. April 2015 ins Vereinsregister eingetragen. Die fortwährende Klärung steuerrechtlicher Fragen auf der Basis des Gutachtens verringerte die Zeit nochmals, die für das Einwerben von Spenden und alle weiteren Aktivitäten dringend benötigt wurde.

Darüber hinaus waren zahlreiche technische und organisatorische Anforderungen zur Vorbereitung der Spendenaktionen zu erfüllen. Ein Konto musste eröffnet, eine Internetseite erstellt, ein Paypal-Konto eingerichtet, eine geeignete Crowdfunding-Plattform gefunden und deren Inhalt steuerrechtlich geprüft werden. Die Umsetzung konnte aber erst nach Vereinsgründung beziehungsweise nach Eintragung des Vereins ins Vereinsregister erfolgen. Die Betreiber der Crowdfunding-Plattform verlangten zudem etliche Dokumente zur Legitimation der Initiatoren, so dass der Verein das Crowdfunding erst sehr spät starten konnte. Die Erfahrungen daraus kommen sicherlich auch künftigen ver.di-Projekten zu Gute.

C. Überlegungen zum Weiterbetrieb des Hauses

Der Verein „Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste“ und sein Beirat (früherer Arbeitskreis) legten nach der Gewerkschaftsratssitzung fest, wie sie zur Zukunftssicherung der Bildungsstätte weiter vorgehen wollten. Sie verständigten sich dabei auf sechs Themenfelder, die sie anschließend bearbeiteten.

1. Brandschutz

Damit die Bildungsstätte bis zum 31. Dezember 2015 betrieben werden kann, wurden durch die IVG zunächst drei Maßnahmen sofort umgesetzt. Bei diesen Interimsmaß-nahmen handelt es sich um die Installation zusätzlicher Rauchmelder, die Ergänzung der Fluchtwege durch den Anbau einer provisorischen Außentreppe und die Aufstellung eines Löschwassertanks.

  • Zusätzliche Rauchmelder: Sie sind in den Zimmern installiert worden und sind über Funk mit der Brandmeldeanlage verbunden.
  • Ergänzung der Fluchtwege durch Anbau einer Außentreppe: Sie wurde bis zur zwei-ten Etage des Neubaus installiert. In der dritten Etage werden aus Brandschutzgrün-den derzeit vier Zimmer nicht belegt.
  • Aufstellung eines Löschwassertanks: Inzwischen wurde auf dem Gelände oberirdisch ein Löschwassercontainer platziert. Nach Auffassung des Vereins könnte der Container auf dem Gelände stehen bleiben. Der Verein will ihn in Eigenleistung frostsicher machen und von Künstlern gestalten lassen. Damit wäre bereits jetzt eine Baumaßnahme für einen Löschwassertank unter dem Parkplatz hinfällig. Zugleich entfallen damit Kosten in Höhe von ca. 150.000 Euro.

Ein Gespräch mit Vertretern der Stadt Lage, des Kreises Lippe und der Feuerwehr am 28. April 2015 ergab, dass diese Interimsmaßnahmen bis zum 31. Dezember 2015 von den Behörden als ausreichend angesehen werden. Nach Aussagen der Behördenver-treter besteht die Möglichkeit, die Interimsmaßnahmen mittelfristig zu verlängern. Für eine weitere Genehmigung, etwa bis zum 30. Juni 2017, müsste aber die IVG einen entsprechenden Antrag stellen. Die Baubehörde wird sich erst nach der Antragstellung durch die IVG zu einem solchen Antrag verhalten. Eine verlängerte Interimslösung gäbe dem Verein die notwendige Zeit, seine jetzt begonnene erfolgversprechende Suche nach Lösungen zum Erhalt des Hauses fortzusetzen.

Zwischen dem Verein und der IVG ist nach wie vor strittig, ob im Fall der Sanierung und der bautechnischen Schottung der „Schächte“ auch eine Komplett-Sanierung der Bade-zimmer bereits bei diesen Maßnahmen erforderlich ist. Nach Auskunft verschiedener Installationsfirmen können auch in Badezimmern Wände geöffnet und anschließend optisch ansprechend wieder geschlossen werden. Dies würde die von der IVG errechne-ten Nebenkosten in Höhe von 1,5 Mio. Euro für eine komplette Erneuerung der Badezimmer deutlich reduzieren.

2. Öffentliche Gelder

Die ver.di-Bundesverwaltung geht davon aus, dass für die Bildungsstätte in Lage-Hörste keine Chance auf öffentliche Förderung besteht. Der Verein ist bei seinen Recherchen, die wegen der Kürze der Zeit noch nicht abgeschlossen sind, zu einem anderen Ergebnis gekommen:

  • In einem Gespräch im Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalen am 30. April 2015 hat das Ministerium Projektmittel für berufliche Anpassungsqualifizierungen in der EDV-Schule der Bildungsstätte in Aussicht gestellt. Ein entsprechendes Programm legt das Ministerium in diesem Sommer auf.
  • Ebenfalls am 30. April 2015 fand ein Gespräch mit Norbert Römer statt, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag Nordrhein-Westfalen, der dem Verein seine Unterstützung zusagte.
  •  Hinweise gibt es, dass Projektförderungen mit EU-Mitteln möglich sind, etwa für die Schulung von (Konzern-)Betriebsräten internationaler Unternehmen sowie von Betriebsräten international agierender Unternehmen.

3. Spenden

Rund 200.000 Euro wird der Verein bis zur Sitzung des Gewerkschaftsrates am 11. Mai 2015 innerhalb von weniger als 53 Tagen eingesammelt haben.

Seit dem 30. März 2015 ist auch ein sicherer Geldtransfer via Paypal über das Internet möglich. Das Crowdfunding auf der Internetplattform „startnext“ ist am 30. April 2015 gestartet (www.startnext.com/lage-hoerste). Der späte Termin hatte Gründe: Für das Crowdfunding war die Eintragung des Vereins ins Vereinsregister zwingende Voraus-setzung. Obwohl die Eintragung bereits am 17. April 2015 erfolgte, war darüber vorher keine Auskunft vom zuständigen Gericht erhältlich.

Den Erfahrungen eines ausgebildeten Fundraisers zufolge, den der Verein kontaktiert hat, und nach Auskunft verschiedener Crowdfunding-Plattformen gewinnen Spenden-aktionen erst nach einer gewissen Anlaufphase an Dynamik. Die Eingänge auf den Kon-ten bestätigen diese These. Der Verein ist daher der Ansicht, dass die Zahl der Spenden im Verlauf von mehr Zeit noch deutlich zugenommen hätte, zumal sich aktuelle Spen-denstände und Neuigkeiten über Lage-Hörste wie die Aufnahme des Hauses in die Rote Liste gefährdeter Kultureinrichtungen des Deutschen Kulturrates zuletzt sehr schnell in den sozialen Netzwerken verbreitet haben.

Dass die Spendenaktion nicht ihre volle Dynamik entfalten konnte, hing – neben dem Zeitfaktor – auch mit gewissen Widerständen innerhalb ver.dis zusammen. Auswirkungen hatte sicherlich die Weigerung der Publik-Redaktion, mehr als nur eine kurze Notiz über die Spendenaktion in ihrer Ausgabe vom 5. Mai 2015 zu veröffent-lichen, trotz ausführlicher Erklärung, warum der Verein das für notwendig erachtet. Auch ein weit verbreitetes Schreiben von Frank Bsirske vom 14. April 2015, das den Gewerkschaftsratsbeschluss zu Lage-Hörste vom 10. März 2015 wiederholte und am Ende eher beiläufig darauf hinwies, dass auch für den Erhalt des Hauses gespendet werden kann, war der Dynamik unserer Aktion nicht zuträglich. Hier hätten wir erwartet, dass zumindest unser Spendenaufruf dem Schreiben beigefügt worden wäre.

Fazit: Unter anderen Bedingungen und mit mehr Zeit wäre deutlich mehr möglich gewesen. Trotzdem dürfte die Spendenaktion mit ihren verschiedenen Formen und dem vorläufigen Ergebnis für ver.di auch ein Signal sein, nämlich dass eine Solidarisierung von unten über Tarifauseinandersetzungen und politische Aktionen hinaus möglich ist.

4. Beitrag der Beschäftigten

Im Heinrich-Hansen-Haus finden die Branchenseminare der Papier- und Kunststoffver-arbeitung, der Druckindustrie und der Verlage statt. In diesen Seminaren und auch außerhalb der Seminare wird wegen der Entwicklung der vorgenannten Branchen leider auch regelmäßig über zeitlich befristete Abweichungen von den Tarifverträgen zur Beschäftigungssicherung gesprochen.

Vor diesem Hintergrund haben sich die Beschäftigten und der Betriebsrat darauf verständigt, einen zeitlich befristeten Verzicht bei langfristiger Beschäftigungssicherung als Beitrag zur Zukunftssicherung der Bildungsstätte einzubringen.

5. Erhöhung der Belegung

Der Bundesvorstand hat erklärt, die Belegung des Heinrich-Hansen-Hauses habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, liege im Durchschnitt der anderen Bildungsstätten und sei nicht das Problem. Im Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre – 2009 bis 2014 – war die Bildungsstätte zu 49,5 Prozent belegt. Der Verein sieht in der Steigerung der Belegungszahlen einen Baustein zur Lösung der finanziellen Probleme, auch wenn dies erst mittelfristig wirkt. Er verpflichtet sich in der Form einer Sonderakquisition verbindlich, innerhalb von fünf Jahren die Belegungszahlen um 5,5 Prozentpunkte zu erhöhen.

Das entspricht im Durchschnitt 1,1 Prozentpunkten im Jahr. 1,1 Prozent entsprechen wiederum einer Ertragsverbesserung um ca. 24.000 Euro, im fünften Jahr beträgt die Ertragsverbesserung damit dauerhaft ca.120.000 Euro gegenüber dem Ausgangsjahr.

Ausgehend von einer linearen Ertragsverbesserung um 1,1 Prozentpunkte in jedem Jahr, liegt das Ergebnis im ersten Jahr um ca. 24.000 Euro höher als im Ausgangsjahr, im zweiten Jahr um ca. 48.000 Euro höher etc. Über fünf Jahre ergibt das eine Ertragsver-besserung um insgesamt ca. 360.000 Euro.

Realistischerweise muss der Verein davon ausgehen, dass die Steigerung nicht linear erfolgt, sondern abhängig von wechselnden Rahmenbedingungen schwankt: In Jahren mit Betriebsratswahlen sind die Bildungsstätten besser belegt, in Jahren mit Fußball-Weltmeisterschaften schlechter. Dennoch hält der Verein die Summe für erreichbar. Die Selbstverpflichtung des Vereins kann zudem nur für Jahre gelten, die nicht von einer Bauphase betroffen sind.

Um dem Eindruck vorzubeugen, dass es sich bei der Ankündigung erhöhter Belegungs-zahlen durch die Sonderakquisition nur um eine leere Versprechung handelt, bietet der Verein der Bundesverwaltung eine Bürgschaft von 75.000 Euro an. Erreicht der Verein die Auslastungserhöhung von 5,5 Prozentpunkten am Ende der fünf Jahre nicht, wird er die Bürgschaft anteilig einlösen.

Eine Erhöhung der Belegungszahlen ist möglich, das haben Anfragen des Vereins bei mehreren Organisationen und Bildungsträgern ergeben.

Vorgesehen ist darüber hinaus, einerseits die vorhandenen Teamer-Kompetenzen zu neuen Bildungsangeboten zusammenzuführen (Planung „von oben“), andererseits den erkennbaren Bedarf für die Bildungsstätte nutzbar zu machen, beispielsweise passge-naue Angebote für gewerkschaftliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Wochenen-de des Hermannslaufs zu machen (Planung „von unten“).

Neben der allgemeinen Erhöhung der Belegungszahlen hat der Verein besonders die Zeiten im Blick, in denen das Haus schwach belegt ist. Dazu gehören Ferienzeiten, lange Wochenenden und Wochenenden mit Brückentagen.

Für realitätsfern hält er deshalb auch die Vorstellung, dass sich aus zwei Bildungsstätten mit mäßiger Auslastung eine mit guter Belegung machen ließe: Das Vermitteln von Bil-dung ist ein stark saisonales Geschäft und in Ferienzeiten nur gering bis gar nicht möglich.

Der Verein übernimmt mit diesem Baustein seines Konzepts nicht nur ehrenamtliche Aufgaben, sondern auch finanzielle Verantwortung. Verein und Beirat fordern nicht nur die Sanierung der Bildungsstätte in Lage-Hörste; sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, um ver.di den Weiterbetrieb des Heinrich-Hansen-Hauses zu ermöglichen, sie sind bereit, Zeit, Engagement und auch Geld einzubringen. Denn wenn der Verein die Auslastung des Hauses nicht seinen Zielvorgaben entsprechend erhöht, haftet er auch finanziell. „Selbstvertretung statt Stellvertretung“ ist hier das Stichwort.

6. Schließungskosten

Zunächst entstehen bei einer Schließung der Bildungsstätte erhebliche Kosten für einen Sozialplan und für die Weiterbeschäftigung von Beschäftigten, die diese einfordern. Diese Kosten will der Verein hier aber nicht beziffern, da dies nicht seine Aufgabe ist.

Die Bildungsstätte liegt im Landschaftsschutz- und Quellgebiet. Als Bildungsstätte hat sie Bestandsschutz. Es ist absehbar, dass sich die Gebäude unter diesen Bedingungen schlecht vermarkten lassen. Die Gebäude müssten weiterhin bewacht und abgesichert werden. Die Vorschriften des Landschaftsschutzes erlauben keinen Zaun um das neun Hektar große Gelände, sondern lediglich um die Gebäude. Dazu gibt es Erfahrungen mit anderen, inzwischen geschlossenen Bildungsstätten.

Der Bestandsschutz ginge verloren, wenn die Gebäude ihre Funktion verlieren würden. Eine Vermarktung ist nur dann möglich, wenn eine bauliche Instandsetzung ausschließ-lich im Grundriss des Bestandes erfolgt und die geplante Nutzung der bisherigen ent-spricht.

D. Fazit

1. Finanzielle Auswirkungen

Bis zur Gewerkschaftsratssitzung am 11. Mai 2015 kann der Verein Kostensenkungen und Ertragsverbesserungen darstellen, die sich auf bislang ca. 980.000 Euro summieren.

Hinzu kommen die vom Arbeitsministerium in Aussicht gestellten Mittel für die berufliche Weiterbildung in der EDV-Schule sowie gegebenenfalls weitere, noch nicht abschließend geprüfte Zuschüsse.

2. Impulse für ver.di

Nach Meinung des Vereins betreibt ver.di die Schließung des Heinrich-Hansen-Hauses wie einen Verwaltungsakt, ohne wirkliche Information und Beteiligung von aktiven Kolleginnen und Kollegen. Selbst der Beirat der Bildungsstätte wurde über die Schließungsabsichten des Bundesvorstands erst am 4. März 2015 durch Dina Bösch informiert.

Dem setzen wir entgegen: Eine vergleichbare Initiative und (Spenden-)Aktion innerhalb eines derart kurzen Zeitrahmens hat es nach Einschätzung des Vereins wahrscheinlich in ver.di noch nicht gegeben. Über die Grenzen von Fachbereichen und Regionen hinweg haben sich Kolleginnen und Kollegen solidarisiert, engagiert und finanzielle Verantwortung übernommen mit dem gemeinsamen Ziel, die Bildungsstätte Lage-Hörste zu erhalten, die gewerkschaftliche und betriebliche Bildung speziell in diesem Haus weiter zu ermöglichen.

Das persönliche Engagement, das Mitglieder des Vereins dabei übernommen haben, und auch die finanzielle Verantwortung, die sie noch zu übernehmen bereit sind, ist nach Auffassung des Vereins zudem wichtig für die „Perspektive 2015“. Zudem hat der Verein mit seinen Initiativen und Aktivitäten, mit denen er beteiligungsorientiert Kolleginnen und Kollegen angesprochen und einbezogen hat, nicht nur neue Formen gewerkschaft-licher Arbeit und der Spendenakquise erprobt, sondern für ver.di in Form des Crowdfundings auch neue Wege der Solidarisierung von Gesellschaft mit Gewerkschaft eröffnet.

Nicht erreicht hat der Verein das vom Gewerkschaftsrat gesetzte Spendenziel. Das hatte er jedoch wegen der Kürze der Zeit und der unrealistisch hohen Summe ohnehin nicht erwartet. Sein Fazit: Unter anderen Bedingungen und mit mehr Zeit wäre ein deutlich besseres Ergebnis möglich gewesen.

Der nächste Sanierungsfall in einer Bildungsstätte darf nicht wieder zu einem Schließungsfall führen.

Der Verein der Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste will insbesondere die Kooperation mit dem Bunten Haus in Bielefeld beleben. Erste Schritte sind schon vor Jahren durch die Bildungskooperation „HörBi“ (Hörste-Bielefeld) gemacht worden. Die Initiative ist allerdings fast zum Erliegen gekommen und soll mit neuem Leben erfüllt werden. In diesem Zuge will der Verein das Profil der Bildungsstätte Lage-Hörste schärfen und Schwerpunkte setzen, die zu einem produktiven Miteinander der Bildungsstätten Heinrich-Hansen-Haus und Buntes Haus führen.

3. Forderung

Der Verein hat Perspektiven eröffnet, die Chancen zur Fortführung der Bildungsstätte Lage-Hörste bieten. Mit den bereits getätigten provisorischen Brandschutzmaßnahmen könnte nach seiner Einschätzung die Bildungsstätte mindestens bis zum 30. Juni 2017 weiter betrieben werden. Dafür ist aber ein entsprechender Antrag erforderlich.

Der Verein fordert den Gewerkschaftsrat auf, die IVG zu beauftragen, bei der Stadt Lage den Weiterbetrieb der Bildungsstätte bis zum 30. Juni 2017 zu beantragen.
Der Verein verpflichtet sich, bis zum 31. Dezember 2016 eine Konzeption zur Fortführung der Bildungsstätte vorzulegen.

Für ver.di ergeben sich daraus aus heutiger Sicht keine zusätzlichen Kosten. Der Verein der Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste hätte dadurch aber die Chance, die Voraussetzungen für die Bereitstellung der notwendigen Investitionen in den Brandschutz und damit den unbefristeten Weiterbetrieb der Bildungsstätte zu schaffen.

Lage-Hörste, 4. Mai 2015
Für den Verein der Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste

Stephie Karger

Vorsitzende

 

Der Verein der Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste im Internet:
http://wir-retten-hoerste.de/

 

 

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