Lage-Hörste: „erledigt durch Praxis und Zeitablauf“?

Kritik am Schließungsbeschluss für Lage-Hörste gab es natürlich beim ver.di-Bundeskongress insbesondere aus dem Fachbereich 8, und wieder hatten die Kolleginnen und Kollegen mit Überheblichkeit und (vermeintlichem) Unwissen von Delegierten zu tun. Eine Kollegin aus dem Gewerkschaftsrat verstieg sich zu der Feststellung: „. . . das Geld wäre bei der Jugend besser aufgehoben als bei einem maroden Bruchbau.“ Diese Kollegin kann in den abgelaufenen 20 Jahren nicht im Heinrich-Hansen-Haus gewesen sein, oder sie leidet unter Wahrnehmungsstörungen. Ein weiterer Kollege aus dem Gewerkschaftsrat behauptete mal eben so, „dass Lage-Hörste ja nicht die beste Entwicklung in den letzten Jahren hatte.“ Alle Beteiligten wissen, dass das nicht stimmt. Hat sich das nicht bis zum Gewerkschaftsrat herumgesprochen?

Und dann stellte sich einer ans Mikrofon und sagte: „. . . ich habe das Haus besichtigt, und ich kann Euch eines sagen: Mir standen die Haare zu Berge. Wäre ich Betriebsrat in einer solchen Einrichtung oder würde so etwas in meiner Einrichtung passieren, ich glaube, ich würde allerhand tun, damit meine Kolleginnnen und Kollegen dort nicht mehr arbeiten. Das ist einfach aus gesundheitlicher Sicht nicht mehr tragbar gewesen. Ich war erschüttert, dass in einer gewerkschaftlichen Einrichtung so etwas passieren kann.“
Keine Ahnung, wo der Kollege war – in Hörste jedenfalls nicht. Wenn das stimmt, was er sich da zusammenphantasiert hatte, dann wäre der Bundesvorstand mindestens 20 Jahre lang juristisch verantwortlich für eventuelle Schäden an Leib und Leben der Beschäftigten und Gäste gewesen. Und genau das will er ja angeblich vermeiden, indem er das Haus schließt. Hat er womöglich damals schon fahrlässig gehandelt?

Weder Frank Werneke, noch Frank Bsirske, noch Dina Bösch korrigierten diesen Unsinn. Warum auch, das hätte ja manche Delegierte nachdenklich machen können. Frank Werneke: „Es ist nicht Aufgabe dieses Podiums, Wortbeiträge von Delegierten zu kritisieren, auch wenn wir deren Aussagen inhaltlich nicht teilen.“ Eine Richtigstellung vorzunehmen, sei aus seiner Sicht nicht das Verständnis des Podiums.

Michael Große-Hovest, Vorsitzender des Landesbezirksfachbereichs 8 NRW, bezeichnete die Wortwahl „maroder Bruchbau“ als Unverschämtheit. Walter Brinkmann vom Ortsverein Detmold bezeichnete diese Beschreibungen als „Märchen“. Er lud die Gewerkschaftsrats-Kollegin ein, sie möge zeigen, wo Lage-Hörste eine „Bruchbude“ sei. Er verwies darauf, dass Investitionen in das Heinrich-Hansen-Haus Investitionen in die Zukunft der Gewerkschaftsarbeit seien, in das wichtigste Potenzial, „das wir haben, nämlich in die Bildung und in die Köpfe unserer Kolleginnen und Kollegen.“ Walter verlangte nach einer Erklärung, warum alle ver.di-Forderungen an die Politik, in Bildung und Infrastruktur zu investieren, „für uns als ver.di und hier für Lage-Hörste eben nicht gelten“. Wer Hörste schließen wolle, vernichte weiterhin gewerkschaftliche Bildungspotenziale und Kapazitäten.

Karin Wagner (FG VDP) betonte, es sei nicht möglich, die Arbeit von Hörste (besonders identifiziert mit dem Fachbereich 8) auf das rund 20 Kilometer entfernte Bunte Haus zu übertragen. Die Seminare müssen deshalb auf Bildungsstätten in Deutschland verteilt werden. „Und wer nur über eine Immobilie spricht, hat den Kolleginnen und Kollegen dort vor Ort, die zum Teil seit mehr als 30 Jahren dort arbeiten, nicht in die Augen geguckt und weiß nicht, wie es denen momentan geht. Ich finde, es ist eine verdammte Art und Weise von Wertschätzung, wenn man deren jahrelange Arbeit dadurch achtet, dass man dort vielleicht vorab eine Gewerkschaftsratssitzung im Haus gemacht hätte. Dann hätten die Leute mal gesehen, worüber sie eigentlich entscheiden. Das hätte mich gefreut“, sagte Karin unter Beifall.

Frank Bsirske scheute sich nicht, die Mär von der „besseren Auslastung“ bestehender durch Schließen anderer Bildungsstätten weiterzuverbreiten, Und schließlich behauptete Monika Brandl, der Gewerkschaftsrat habe es sich mit seiner Entscheidung „nicht leicht gemacht“. Das Gremium hatte im März generös beschlossen, Lage-Hörste weiterzubetreiben, wenn der Verein der „Freunde und Förderer der Bildungsstätte Lage-Hörste“ innerhalb von acht Wochen (!) mal eben mindestens 1,5 Millionen Euro Spenden einsammelt, um die Finanzierungslücke zu schließen. Der Gewerkschaftsrat hatte es also keinesfalls ernst gemeint, wohl wissend, dass seine Forderung kaum zu erfüllen sei. Der Förderverein hingegen hatte diese Finte erkannt, Aber die Mitglieder hatten erwartet, dass sie ernst genommen würden, wenn sie eine namhafte Summe zusammenbringen würden. Das war nicht der Fall, obwohl 230.000 Euro zusammengekommen waren, und mit einer derartigen Missachtung gewerkschaftlichen Engagements an der Basis durch GR und BuVo hatte niemand gerechnet.

Frank Werneke bestand weiter auf der Alternativlosigkeit der Schließung und schob wieder den Brandschutzsachverständigen vor, der den Weiterbetrieb von Hörste nur bis 31. Dezember 2015 mittrage.Dabei sind es die  Behörden, die Betriebserlaubnisse erteilen. Dazu nochmal Walter Brinkmann vom OV Detmold, der bei Gesprächen mit Verantwortlichen der Stadt Lage, der Kreisverwaltung Lippe und der Feuerwehr dabei war: „Alle haben in dieser Runde gesagt, was ver.di da einfordert an Brandschutzkonzept, ist die XXXL-Lösung. Wir als Kommune, wir als Keisverwaltung hätten nie und nimmer so ein Brandschutzkonzept eingefordert. Das genau hat die Investitionen in die Höhe getrieben bis ins Uferlose.“

Und genau das scheint der Plan zu sein: Ein Konzern will Geld sparen, beauftragt damit seine Revision, die ein Objekt samt Beschäftigten findet und es unter dem Vorwand von zu großen Kosten schließt. Unterscheidet sich ver.di von einem solchen Konzern? Der Betriebsrat in Hörste wurde offenbar nicht in den üblichen Fristen informiert, die „Teamer“ (freie Kursleiter) lange Zeit gar (oder überhaupt) nicht. Ein schnell durch die aktive Basis gegründeter Verein, der mit großem Engagement (wie ein Betriebsrat) einen „Unternehmensteil“ retten will, erfährt ähnlich wie ein Betriebsrat in der „freien Wirtschaft“ alle Widrigkeiten von Behinderung (steuerrechtliche Probleme, dürfen Gliederungen spenden, Verzögerung von Überweisungen, Zuständigkeit von BR und GBR) bis hin zur Köderung, eine bestimmte Summe zur Rettung aufzubringen (vergleichbar mit Opfern einer Belegschaft). Und wenn ein Beschäftigter/Gewerkschaftsmitglied aufmuckt, heißt es, die Streikkasse darf nicht angetastet werden.

Der Verein der Freunde und Förderer hat ein realistisches Konzept für Hörste vorgelegt. Ein Antrag auf Verlängerung der Betriebserlaubnis für zunächst etwa ein Jahr wäre notwendig und möglich gewesen. In diesem Zeitraum hätten weitere Gelder eingeworben werden können. Danach hätte man immer noch entscheiden können. Diese Chance wollten aber weder der Bundesvorstand noch die Mehrheit des Gewerkschaftsrates weder den Beschäftigten, noch der Einrichtung, noch dem Förderverein geben. Warum?

Die Anträge zu Lage-Hörste wurden beim Bundeskongress unter dem Stichwort abgelehnt: „erledigt durch Praxis und Zeitablauf“.

Offenbar gibt es schon Verhandlungen zwischen ver.di und Behörden zur „Umnutzung“ des Heinrich-Hansen-Hauses als Flüchtlingsunterkunft. Wir werden genau hinschauen, ob die angeblichen 4,5 Millionen Euro für den Brandschutz dann wirklich erforderlich werden. Aber dann ist ja der Bundesvorstand auch nicht mehr „verantwortlich“.

Michael Große-Hovest: „Erledigt ist die ganze Sache für uns nicht. Das war der letzte Satz. Ich danke für die Aufmerksamkeit.“

 

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5 Gedanken zu „Lage-Hörste: „erledigt durch Praxis und Zeitablauf“?

  1. So ein abgekartetes mieses Spiel! Zu behaupten, das Heinrich-Hansen-Haus sei eine Bruchbude und aus arbeitsrechtlicher Sicht bedenklich, erfüllt imho den Tatbestand der Verleumdung! Ich bin empört und wütend!!!

  2. Es wird mir fehlen, „mein“ Lage-Hörste.
    Ja, an der ein oder anderen Stelle wäre eine Renovierung sicher nötig, aber mehr Charme, mehr gewerkschaftlichen Geist und Überzeugung als dort habe ich selten in Bildungseinrichtungen gefunden.
    Ich bin traurig, dass nach der Roten Burg auch die zweite Bildungsstätte der alten IG Medien dichtgemacht wird.
    Eine Nutzung als Wohnraum für schutzsuchende Menschen? Das wäre dem Haus sicher genehm!

  3. Ich bin traurig und wütend, war schon in der Druck und Papier dabei, habe den Wert der Bildungsstätte selbst erfahren und war immer überzeugt dass meine Gewerkschaft zu den demokratischsten Organisationen in Deutschland gehört, wie gesagt, war. Wenn eine Organisation so vorgeht, steckt evenntuell mehr dahinter ?
    Riesen Paläste nichts für kleine Leute aus dem Druckgewerbe, besonders enttäuscht bin ich von Franz Bsierske, wo sind die Freunde von damals Franz Kersjes und co. ?

    Voller Verachtung verbleibe ich Hermann Cebulla
    Ehem. Betriebsratvositzender der Fa. C.Th.Kartenberg

  4. Ich habe im März dieses Jahr in Lage ein Seminar besucht. Dabei war ich so angenehm überrascht über die super netten Angestellten. Zimmer waren top. Gar nix von marode. Sehr gure Freizeitmöglichkeiten und vor allem möchte ich mich für das suuuper Verwöhnprogramm in puncto Essen bedanken. Also mehr kann man in so einer Einrichtung nicht topen. Ich habe habe mich jedenfalls dort richtig wohlgefühlt. Und dafür nochmals ein großes Dankeschön!!!

  5. So meine MEINUNG:
    Ich denke es ist eine geplante und bewusste Aktion von unseren Obersten gewesen.

    Scheiße finde ich das unser Gewerkschaftsrat sich keine eigene Meinung gebildet hat. Sie sollten eigentlich unseren Bundesvorstand kontrollieren,,,,,aber das ging ja wohl voll daneben. Ich bin enttäuscht von dem Gewerkschaftsrat und werde mich auf jedem Fall mehr drum kümmern, wer da demnächst rein kommt und gewählt wird.
    Kann ja nicht sein, das immer die selben dort sitzen und vom Bundesvorstand beeinflusst werden. Die lesen nicht mal mehr all ihre Vorlagen, sondern verlassen sich darauf was ihnen vorgebetet wird.
    Nicht gut!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Ich appelliere an alle Mitgliedern und werde das auch kund tuen, nur selbstbewusste und nicht voreingenommene Delegierte zu wählen!!
    Denn das hat sich für mich so rausgestellt. Man kann auch mal anders sein!!

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